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Briefe von Clara Schlaffhorst an Elisabeth Goebel (1935-1944)

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Geleitwort

Nach dem Tod von Elisabeth Goebel im Juni 2001 übergab ihre Lebensgefährtin, Waltraud Seyd, dem Vorstand des Freundeskreises Schlaffhorst-Andersen Briefe von Clara Schlaffhorst, die diese von 1935 bis 1944 an Elisabeth Goebel geschrieben hat. Der Vorstand des Freundeskreises kommt dem Angebot, diese Briefe veröffentlichen zu dürfen, mit großer Freude entgegen.

Clara Schlaffhorst war 1935 zweiundsiebzig, 1944 einundachtzig Jahre alt. Das Jahr 1935, in dem Elisabeth Goebel die Schule kennenlernte, war für Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen ein Schicksalsjahr. Ilse Töpfer, die geliebteste und vielseitig begabte und zur Nachfolgerin erkorene langjährige Mitarbeiterin von Clara Schlaffhorst, hatte nach langen zermürbenden Auseinandersetzungen in Berlin eine eigene Schule eröffnet. Zwölf Ausbildungsschülerinnen gingen mit ihr. Clara Schlaffhorst trug schwer an dieser Trennung.

Clara Schlaffhorst pflegte die Beziehung zu ihren Schülern durch einen regen Briefwechsel. Die Briefe geben ein Zeichen davon, mit welcher Intensität Clara Schlaffhorst mit ihren Schülerinnen lebte, dachte und fühlte. Wir können den Briefen an Elisabeth Goebel entnehmen, dass Clara Schlaffhorst ihr gegenüber besonders aufgeschlossen war, dass sie Großes von ihr erwartete und besondere Hoffnungen in sie setzte. Die Briefe zeigen viel von der Persönlichkeit Clara Schlaffhorsts: ihre Suche nach dem wahren Menschsein, ihre Gefühlsintensität und Begeisterungsfähigkeit, aber auch die Alltäglichkeit mit den körperlichen Beschwerden des Alterns. Wir lernen ihre Sprache kennen, ihre Art zu denken und sich auszudrücken. Das Schriftbild ist voll von Ausrufungszeichen, Unterstreichungen und Gedankenstrichen, d.h. sie war ganz und gar bei dem, was sie gerade tat. Wir erleben die Tiefe ihrer Gedankengänge, aber auch das Schweifende, dem zu folgen den Schülern oft Schwierigkeiten bereitete. Es bestand eine feste Weltsicht, die sie immer in anderen Begriffen versuchte zu verdeutlichen, Begriffen, denen wir uns behutsam nähern müssen, um zu erfahren, was damit gemeint war.

Am 1. September 1939 begann der 2. Weltkrieg. Er brachte für das Leben der Schule in Hustedt-Jägerei viele Einschränkungen und Lärm durch den in der Nähe gebauten Flugplatz. Der von Clara Schlaffhorst geliebte Chor der Schule konnte seine Konzertreisen nicht mehr fortführen. 1942 verließen Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen die Schule in Hustedt bei Celle und zogen in die neu von Maria Gräfin Bredow aufgebaute Schule in Seefeld bei Stargard in Pommern. Anfang 1945 starb dort Clara Schlaffhorst, die Schule löste sich im Anmarsch der Russen und im allgemeinen Flüchtlingsstrom nach Westen auf. Hedwig Andersen konnte noch von Schülerinnen nach Schleswig-Holstein auf das Apfelgut von Annemarie Fischer, einer alten Schülerin, gebracht werden. Sie nahm von dort aus großen Anteil am Wiederaufbau der Schule in Lieme/Lippe im Jahr 1949.

Nun zu Elisabeth Goebel, der Empfängerin der Briefe. 1911 in Kiel geboren, studierte sie nach dem Abitur "Musik" an der "Staatlichen Akademie für Kirchen- und Schulmusik" in Berlin und "Germanistik" an der dortigen Humboldt-Universität und machte dort 1934 ihr Staatsexamen für das "Höhere Lehramt". Ihre Referendarzeit absolvierte sie in Kiel unter Frau Dr. Noack (1895 - 1974). Aus dieser Zusammenarbeit entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. (Wenn in den Briefen Clara Schlaffhorsts von "Ihrer Freundin" die Rede ist, ist stets Frau Dr. Elisabeth Noack gemeint. Die Freundschaft mit Waltraud Seyd begann später.) Auf Anraten von Frau Dr. Noack fuhr Elisabeth Goebel im Sommer 1935 zum ersten Mal in die Schule Schlaffhorst-Andersen, wo sie Waltraud Seyd kennenlernte. Sie suchte bei Clara Schlaffhorst Hilfe für ihre im Schuldienst strapazierte Stimme. Die Persönlichkeit beider Frauen, die Lehrweise und die Menschenführung beeindruckten sie tief, und es wuchs der Wunsch in ihr, sich in dieser Arbeit ausbilden zu lassen. Doch die Damen rieten, dass sie vorher ihren "Assessor" machen sollte. 1936 bestand sie diese zweite Prüfung mit "gut" und erhielt einen Lehrauftrag an einem Flensburger Lyzeum. Trotz der sehr befriedigenden Arbeit verließ sie im Herbst 1937 den Schuldienst, um sich ganz der Ausbildung in Hustedt zu widmen. Zu der Ausbildung in Hustedt gehörten im Wechsel zu den Unterrichtseinheiten im Hause vierwöchentliche Aufenthalte in Familien oder Instituten. Diese wurden von der Schule als Praktika vermittelt, um dort die Arbeit Schlaffhorst-Andersen zu vertreten. 1938 arbeitete Elisabeth Goebel viele Monate in dem Kinderhaus Schlaffhorst-Andersen in Weimar, das von Ilse Krüger geleitet wurde. Daneben leistete sie die einjährige "Helferzeit" in Hustedt ab. Bei Beginn des 2. Weltkrieges meldete sie sich freiwillig zum Hilfsdienst beim Roten Kreuz und wurde in der Kieler Universitäts-Frauen-Klinik als Schwesternhelferin eingesetzt. Bis Ende des Jahres blieb sie dort tätig. Anfang 1940 siedelte sie ganz nach Weimar über. Am Sozialpädagogischen Institut in Weimar wurde für sie eine Beamtenstelle eingerichtet mit Unterricht in Musik und Deutsch. Außerdem wurde sie als Chorleiterin eingesetzt. Die Leiterin der Sozialpädagogischen Ausbildungsstätte, Mintja Bostedt, war mit Ilse Krüger befreundet und stand der Schule Schlaffhorst-Andersen sehr aufgeschlossen gegenüber. Dort blieb Elisabeth Goebel bis zum Kriegsende. Danach trennte sie sich nicht mehr von Waltraud Seyd. Sie begannen ihr gemeinsames Leben 1945 in Wuppertal.

Und nun wünschen wir Ihnen viel Freude beim Lesen der Briefe.

Im Oktober 2001  Für den Vorstand des Freundeskreises gez. Heidi Noodt

 
 

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